Nightcrawler – Jede Nacht hat ihren Preis [Kritik]

Remember, use your zoom, steady hands.

Wenn in L. A. die Sonne unter- und die Lichter der Großstadt angehen, kommen die merkwürdigsten Gestalten aus ihren Häusern und auf die Straße. So eine Gestalt ist auch Lou Bloom (Jake Gyllenhaal). Der hagere Mann mit den längeren Haaren und den immer weit geöffneten Augen verdingt sich als skrupelloser Dieb von Metall von Baustellen. Bis er mitbekommt wie eine kleine Filmcrew Aufnahmen von einem Autounfall macht, um diese an die kleinen lokalen Nachrichtensender zu verkaufen. Leo hat nun selbige Tätigkeit als Ziel vor Augen und nutzt dabei alle möglichen Mittel um zum Ziel zu kommen. So etwas wie ein Gewissen hat er wohl nie entwickelt.

Dabei wirkt Lou nach außen ganz harmlos. Er ist freundlich, interessiert sich für sein Umfeld und scheint sehr viel Fachwissen zu besitzen, dass er gerne in Unterhaltungen einfließen lässt. Doch dieses Verhalten ist immer nur Mittel zum Zweck. Mit Freundlichkeit kommt man im Alltag leichter voran als durch schroffes Verhalten, die Fragen sollen nur Lous Hunger nach hilfreichen Informationen stillen und sein Fachwissen fließt dermaßen kalt in die Dialoge ein, dass man glaubt es sein eine auswendig wiedergegebene Phrase aus dem Grundlagenkurs für Wirtschaftswissenschaften. Jake Gyllenhaal liefert ein beeindruckende Performance als eiskalter Misanthrop ab, dem menschliches Empfinden zwar bekannt aber egal ist. Lous kühle Wortwahl und die Vermeidung von Emotionen (weder im Ausdruck noch werden sie angesprochen) lassen einen im Kinosessel frösteln. Genauso wie die Momente im Film, in denen Lou sein sorgsam gepflegtes Image ruhen lässt und sein wahres Ich offenbart, menschenfeindlich und nur auf seine eigenen Interessen fixiert. Die treffendste Charakterisierung über sich trifft Lou selber: What if my problem wasn’t that I don’t understand people but that I don’t like them?

Doch Nightcrawler ist mehr als die Geschichte eines windigen Subjekts, dass sich am Leid anderer nährt. Nightcrawler ist auch eine deutliche Kritik am Nachrichtenbetrieb der USA in denen die Berichterstattung über Kriminalität längst nicht mehr der Informationsbefriedung der Zuschauer dient, sondern durch Sensationsgier die Zuschauerzahlen aufrechterhalten soll. Im Sender der Lou seine Aufnahmen abkauft herrschen zwei Sichtweisen, Bildmaterial um jeden Preis (in Form der gealterten Reporterin Nina (Rene Russo)) und der Stimme der moralischen Vernunft (Mad Men Darsteller Kevin Rahm als Redaktionsleiter mit Ehrgefühl). Klar, dass die offensivere der beiden Sichtweisen obsiegt. Regisseur Dan Gilroy zeigt aber auch ein anderes Bild dieser selbstständigen Bewegtbild-Zulieferer. Einer von diesen ist Joe (Bill Paxton), der sich im Gegensatz zu Louis an die Gesetze hält und nicht um jeden Preis die erschreckendsten Bilder einfangen muss. Zwar ist auch er nicht wirklich sympathisch, aber er geht seinem Job nicht eiskalter Professionalität nach.

Auf technischer Seite beeindruckt die Kameraarbeit, welche die nächtliche Stimmung von Los Angeles gut einfängt und dabei die dortigen Lichtverhältnisse gekonnt und natürlich aussehend einsetzt. Dabei werden Reminiszenzen an das Pseudo-Achtziger Feeling von Drive (2011) geweckt, ohne jedoch dessen Stil zu kopieren. Stattdessen wird ein ganz eigener Stil geschaffen, der die Moderne mit einem Schuss Neunziger-Jahre-Flair aufpeppt. Der Score des Films geht großteils in Ordnung wird jedoch bei der Szene bei der Untersuchung einer Babywiege an einem frischen Tatort über die Spitze hinaus getrieben und wirkt  spätestens da zu aufdringlich.

Fazit: Nightcrawler ist ein grandioser Film. Jake Gyllenhaal beeindruckt in seiner Rolle und sorgt dafür, dass man sich unbequem im Kinosessel windet, ihn aber dennoch nicht aus vollem Herzen hasst, da man in ihm eine gescheiterte Existenz erkennt, die eine Nische für sich gefunden und ausgefüllt hat. Der Film geizt zwar nicht mit Gewalt und Brutalität, setzt diese aber nur an den notwendigen Stellen ein und verzichtet deutlich auf alles was nicht notwendig ist (eine mögliche Sexszene zwischen Gyllenhaal und Russo wäre im Film denkbar und wird ebenfalls angesprochen, aber wurde in der direkten Erzählung ausgelassen). Regisseur Dan Gilroy hat mit Nightcrawler den Überraschungshit des Jahres geschaffen, den sich nicht nur Fans von Drive zu Gemüte führen sollten, sondern auch Liebhaber von Thrillern und düsteren Charakterstudien. Darüber hinaus haben einige Szenen des Films großes ikonographisches Potential.

Titel: Nightcrawler - Jede Nacht hat ihren Preis
Länge: 117 min.
Regie: Dan Gilroy
Kinostart: 13. November 2014
Darsteller: Jake Gyllenhaal, Rene Russo, Riz Ahmed, Bill Paxton, Kevin Rahm, etc.

Wertung: 8.3 / 10

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